Der schönste Moment ist die Landung

Jannis Drewell beim Training auf seinem Pfernd Dino. Bild: Anika Reckeweg

Einer der besten Einzelvoltigierer in Deutschland ist in OWL zuhause und trainiert auf dem „Birkenhof“ in Gütersloh. Auch international ist Jannis Drewell immer ganz oben mit dabei. Der 26-Jährige hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und ist seit einigen Jahren Sportsoldat bei der Bundeswehr. Erst im März hat er erfolgreich seinen Titel beim Weltcup-Finale in Dortmund verteidigt.

Wie bist du zum Voltigieren gekommen?
Jannis Drewell: Erst habe ich mich ehrlich gesagt ein wenig dagegen gesträubt. Ich bin immer mit meiner Mutter mitgegangen, weil sie damals schon Trainerin war. Früher musste ich mit und irgendwann wollte ich dann mit. Mit acht Jahren habe ich angefangen, meine Mutter Simone trainiert mich. Zwischendrin habe ich bestimmt drei Jahre mit Verletzungen verbracht. Aber Motivationslücken hatte ich keine.

Wolltest du nicht auch mal etwas anderes ausprobieren?
Jannis Drewell: Ich habe parallel vieles gemacht: Fußball gespielt, Florett gefochten, geritten bin ich auch – ich reite auch heute noch ab und zu, aber bei all den anderen Sportarten hatte ich nicht den Leistungsansporn, das als richtigen Sport zu betreiben. Das war für mich mehr eine Freizeitaktivität. Tennis habe ich auch mal ausprobiert, aber das finde ich vom Fernseher spannender. Das aber auch sehr intensiv. Da stelle ich mir auch mal den Wecker auf 2 Uhr nachts, wenn die US Open sind.

Wo hast du angefangen zu voltigieren?
Jannis Drewell: In Halle habe ich im Verein angefangen, da meine Mutter dort auch die erste Mannschaft trainiert hat. Da waren wir eine reine Jungs-Gruppe – neun Jungs – die Trainerin damals trainiert mich heute noch ab und zu. Das war ganz witzig, weil meine Trainerin damals mit einem Fußballprofi zusammen war, der mit zum Training kam. Zum Aufwärmen sind wir mit ihm auf den Platz und haben Fußball gespielt. Das war damals viel spannender als das Voltigieren. Irgendwann hat sich das umgedreht.

Wie sieht die Voltigiersaison aus?
Jannis Drewell: Früher ging es Anfang April los und im September war Schluss. Heute ist das die Hauptsaison. Seit ein paar Jahren haben wir jetzt eine Weltcupserie dabei, die uns aber die Winterpause nimmt. Bei der Weltcupserie sammelt man das ganze Jahr Punkte und die Top Ten treten im Winter noch einmal gegeneinander an. Da ist man immer im Zwiespalt – das Pferd braucht eine Winterpause, daher nimmt man vielleicht eher die jüngeren mit, um denen eine große Tribüne zu zeigen. Andererseits möchte man natürlich auch das bestmögliche Ergebnis erzielen.

Brauchst du nicht selbst mal eine Pause?
Jannis Drewell: Urlaub ist tatsächlich schwierig. Ich habe es die vergangen beiden Jahre geschafft, tatsächlich eine Woche Urlaub zu machen und wegzufahren. Daran, für eine längere Zeit mal rauszukommen, ist im Moment nicht zu denken. Andererseits bin ich froh, wenn ich mal ein Wochenende Zuhause habe: Das ist für mich fast mehr Urlaub. Ich muss nicht weit wegfahren, um Urlaub zu haben, ich kann das auch gut zuhause.

Ein gutes Team sind Jannis Drewell und "Bubi". Bild: Anika Reckeweg
Ein gutes Team sind Jannis Drewell und „Bubi“. Bild: Anika Reckeweg

Wie hast du trainiert, bevor du Sportsoldat geworden bist?
Jannis Drewell: Bevor ich Sportsoldat bei der Bundeswehr geworden bin und jetzt in Vollzeit Sport treibe, hatte ich vier Jahre eine volle Stelle mit 40 bis 50, 60 Stunden pro Woche. Je nachdem, was so los war. Trainiert habe ich spät abends oder auch nachts. Das ist auf Dauer schon hart und auch der Grund, warum ich dann zur Bundeswehr gegangen bin. Ich musste entweder am Sport etwas ändern oder an der Arbeit. Beides zusammen ging nicht mehr, weil man beidem nicht gerecht wird. Das unter einen Hut zu bekommen ist nicht einfach in einem Sport, bei dem es nicht die Preisgelder gibt, von denen man leben könnte.

Und wie sieht jetzt dein Tagesablauf und Training aus?
Jannis Drewell: Das ist immer etwas unterschiedlich. Ich habe dreimal die Woche ein Kraftprogramm, dazu kommt ganz viel Training am Movie, einem Holzpferd das den Galopp simuliert. Mittags sind wir am Birkenhof und trainieren die Pferde, die auch alle ihr eigenes Trainingsprogramm haben. Dann kommt Koordinationstraining dazu, leider auch ein tägliches Dehnprogramm, was mich ein bisschen nervt. Das ist so der unschöne Teil am Sport, leider auch meine größte Schwäche, deshalb bin ich da am meisten dran. Dann ist die Stallarbeit ein großer Anteil, die Pferde müssen zum Reiten gefahren werden. So ist der Tag gut gefüllt.

Hast du einen festen Ernährungsplan?
Jannis Drewell: Natürlich muss ich darauf achten, dass ich mich gesund und ausgewogen ernähre, aber ich habe keinen strikten Plan, der mich auch von manchen Sachen abhalten würde. Am Ende kann ich mein Training mit einer guten Ernährung deutlich effektiver gestalten.

Aber mal ein paar Chips oder Popcorn sind drin?
Jannis Drewell: Ja, ab und zu schon, aber eher selten.

Wie ist die Stimmung bei den Turnieren?
Jannis Drewell: Wir haben unheimlich starke Zuschauerzahlen für einen noch recht kleinen Sport. Das ist im Vergleich zu anderen Sportarten enorm. Dadurch ist auch immer super Stimmung in der Halle, aber Voltigierer sind sowieso ziemlich laut. Da werden schon Hallen gefüllt wie die Westfalenhallen Dortmund; das Dressurstadion in Aachen war bei der Europameisterschaft 2015 voll. Das ist gigantisch, wenn man da reinläuft und alle schreien. Wir haben die Hoffnung, dass wir irgendwann bei Olympia dabei sein können. Zu meiner aktiven Zeit wird das wohl nicht mehr der Fall sein, aber vielleicht kann ich dann ja als Trainer mitfahren.

Könnt ihr euch bei so einer Geräuschkulisse überhaupt konzentrieren?
Jannis Drewell: Das ist vielleicht mit Tennis vergleichbar. Da ist ja immer super Stimmung, aber sobald der Spieler zum Aufschlag ansetzt, ist es mucksmäuschenstill. So ist das bei uns auch: Während ich einlaufe ist es bis zum Grüßen unheimlich laut und eine Wahnsinnsstimmung. Was die Pferde ja auch erstmal kennenlernen müssen. Aber während des Turnens hört man außer der Musik absolut nichts. Da könnte eine Stecknadel fallen – bis zum Zeitpunkt meiner Landung, dann geht es wieder los. Das ist eigentlich immer der schönste Moment: Wenn man nach einer gelungenen Kür landet. Vorher ist alles still und dann geht das Publikum in die Luft – das ist der schönste Moment bei so einem Wettkampf, wenn man da das Publikum überzeugen konnte und die Begeisterung von außen spürt.

Die Punktzahl ist dann auch egal?
Jannis Drewell: Ich habe mir mal abgewöhnt, meine Noten anzugucken. Klar bekommt man das mit, manchmal auch mehr als man möchte. Aber zwischen den Runden – ich will meine Noten nicht wissen und die der anderen auch nicht. Ich will einlaufen und zeigen, was ich kann. Ob das gut oder schlecht war, kann ich selbst beurteilen, weil ich weiß, was ich kann. Wenn ich das gezeigt habe oder sogar mehr, bin ich zufrieden. Welche Reihenfolge herauskommt – das ist dann so. Wenn andere besser waren, waren sie besser.

Im Galopp zu stehen gehört für Jannis Drewell noch zu den leichteren Übungen. Bild: Anika Reckeweg
Im Galopp zu stehen gehört für Jannis Drewell noch zu den leichteren Übungen. Bild: Anika Reckeweg

Beim Weltcup-Finale in Dortmund hast du im März auf einem fremden Pferd deinen Titel verteidigt. Wie groß war die Herausforderung?
Jannis Drewell: Mir sind in Dortmund fünf Pferde aus Italien, aus der Schweiz, aus Frankreich und aus Deutschland angeboten worden, als unserer krank war. Und das war direkte Konkurrenz, die teilweise gegen mich gestartet ist. Die Longenführerin Gesa Bührig war die Erste, die neben mir stand und sagte, ich könnte mit auf den Claus gehen. Für das fremde Pferd Claus ist das natürlich auch eine große Leistung und auch für die Longenführerin. Was sonst in Feinarbeit lange trainiert und geprobt wird, das musste da auf Anhieb klappen. Das war auch von den beiden eine ganz große Leistung. Jetzt heißt es immer „Der Jannis Drewell, der hat das gewonnen“, aber letztendlich haben wir drei das gewonnen: Die beiden haben einen genauso großen Anteil daran wie ich.

Ist das Verhältnis unter den Voltigierern immer so unterstützend?
Jannis Wir haben ein sehr großes Miteinander, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass wir nicht die riesigen Preisgelder haben – dann würde man seinem direkten Konkurrenten vielleicht nicht sagen „Ich will, dass du auch starten kannst und wir einen fairen Wettkampf haben: Nimm mein Pferd“. Aber wir haben einen sehr, sehr fairen Sport. Auch auf den Turnieren: Wir kennen uns alle untereinander, wir klatschen uns direkt vor dem Wettkampf ab, wünschen viel Erfolg und das ist ernst gemeint. Auch wenn die Spitzenplätze ein hart umkämpftes Feld sind. Dann sind wir im Wettkampf Konkurrenten und außerhalb ein Team.

Was sind deine Ziele für die Saison?
Jannis Drewell: Dieses Jahr sind im September die Weltreiterspiele. Die finden nur alle vier Jahre statt und sind eine ziemlich große Sache für uns. Dafür wollen wir uns qualifizieren und da wollen wir auch wieder für eine Medaille kämpfen.

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